Landwirt schafft Zukunft: Die Agrar-Beratung des Innovationsteams

Precision Farming, Landwirtschaft 4.0 oder Digitalisierung auf dem Bauernhof. An Begrifflichkeiten für die Zukunft der Landwirtschaft mangelt es nicht. Aber was die Veränderung der Märkte und der Technologien für die Landwirtinnen und Landwirte wirklich bedeutet, ist für viele Außenstehende schwer greifbar. In wie weit bringen neue Technologien und alternative Geschäftsfelder dem Hof mehr Gestaltungsspielraum?

Im Herbst 2019 wurde das Future(d)-by-Farming-Team der matrix-Innovationsberatung um Cornelius Werring verstärkt. Er unterstützt das Team als Berater. Der gebürtige Westfale ist auf dem Hof seiner Familie aufgewachsen und damit selbst Teil der landwirtschaftlichen Community. Nach seiner Ausbildung zum Landwirt und einem längeren Aufenthalt in Neuseeland studierte er zunächst „Wirtschaftsingenieurwesen im Agri- und Hortibusiness“ an der Hochschule Osnabrück. Im In- und Ausland vertiefte er seine Kenntnisse durch die beiden Masterstudiengänge „Agrar- und Lebensmittelwirtschaft“ und „Precision Farming“. Wir freuen uns, ihm einige Fragen zu der Zukunft der Landwirtschaft stellen zu können.

Lieber Cornelius:

Warum findest Du die Landwirtschaft so großartig?

Sie ist eine der zentralen Rahmenbedingungen für unsere Gesellschaft. Historisch gesehen ist sie die Grundlage für Frieden, für technischen und sozialen Fortschritt. Den Anfang fand sie, als die Menschen anfingen, sesshaft zu werden, Felder zu bestellen und Tiere zu domestizieren. Zugleich ist sie seit Jahrtausenden die Grundlage für unsere Ernährung.

Ich bin mit der Landwirtschaft aufgewachsen. Als junger Mensch erlebe ich hautnah, wie sie sich seit etwa zwanzig Jahren in einem für diesen sehr traditionellen Wirtschaftszweig enormen Tempo verändert. Sie unterliegt dabei weitaus größeren Herausforderungen als die meisten Industrien, die ihren Strukturwandel nur sehr langsam bewältigen. Diese Zeit haben wir Landwirte nicht. Dabei wird oft vergessen, dass es sich die Gesellschaft eigentlich nicht erlauben kann, die Landwirtschaft zu überfordern und dabei vielleicht zu großen Teilen zu verlieren.

Zugleich ist die Branche ein echter Treiber und Träger von bedeutenden Innovationen: Technische Möglichkeiten wie etwa das autonome Fahren sind in der Agrarwirtschaft schon wesentlich fortgeschrittener als in der Automobilbranche. Mich begeistern die Landwirtinnen und Landwirte, die diese Herausforderungen jeden Tag aufs Neue annehmen. Und es freut mich, dass ich viele junge Kolleginnen und Kollegen sehe, die neues Wissen in die Landwirtschaft einbringen. Das macht mir wirklich Spaß und bringt Hoffnung.

Was sind für Dich spannende Trends in der Landwirtschaft?

Durch meine landwirtschaftliche Herkunft und durch meine wissenschaftliche Arbeit in Deutschland und im Ausland sehe ich natürlich zahlreiche und sehr unterschiedliche Trends. Nicht alle erscheinen mir gleichermaßen bedeutsam und ökonomisch wie ökologisch sinnvoll für die landwirtschaftliche Praxis auf den Höfen. Viele vermeintliche Trends werden auch eher kurze Modeerscheinungen bleiben. Aber es gibt auch solche, die erkennbar im internationalen und deutschsprachigen Raum dauerhafte Veränderungen und Verbesserungen für die landwirtschaftlichen Unternehmerinnen und Unternehmer mit sich bringen werden. Unter den vielen Trends sind für mich beispielsweise alternative Eiweißlieferanten wie die Kultivierung von Wasserlinsen oder Insekten besonders spannend. Hinzu kommen Möglichkeiten, die sich durch die Automatisierung in der Außenwirtschaft ergeben und die wir in ihrer Reichweite und positive ökonomische und ökologische Wirkung zur Zeit noch gar nicht genau abschätzen können. Damit meine ich unter anderem den Einsatz von autonomen Fahrzeugen oder auch die dadurch beförderten erweiterten Möglichkeiten bei den pflanzenbaulichen Kulturen.

Was bedeutet für Dich ökonomische Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft?

Die Landwirtschaft erneuert sich auf vielen Höfen mit einer enormen Geschwindigkeit. Das ist in der Regel mit sehr großen Investitionen verbunden, deren finanzielle Tragfähigkeit sich oft erst in der nächsten Generation auf den Höfen zeigt. Aus meiner Sicht ist es daher wichtig, dass Entscheidungen von besonderer wirtschaftlicher Tragweite auf eine wirklich solide Basis gestellt werden.

Das bezieht sich sowohl auf technologische Innovationen, wie auf bauliche Investitionen, den Einstieg in neue Geschäftsfelder oder strategische Kooperationen mit anderen Landwirten oder anderen Akteuren. Auch die Frage der inhaltlichen strategischen Ausrichtung gehört zu diesen Entscheidungen, also etwa die Themen Direktvertrieb oder „Bio“. Jede dieser Entscheidungen sollte aus meiner Sicht so gefällt werden, dass sie helfen kann, die zunehmenden wirtschaftlichen Risiken in der Landwirtschaft abzufedern und einer nachfolgenden Generation auf dem Hof eine Basis für ein erfolgreiches wirtschaftliches Handeln zu ermöglichen. Und das immer aus der Perspektive der zum Entscheidungszeitpunkt seriösen Annahmen. Dabei spielt die Gesetzgebung eine entscheidende Rolle, um Planungs- und Kalkulationssicherheit bei neuen Investitionen zu haben.

Was bedeutet für Dich ökologische Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft?

Die ökologische Nachhaltigkeit hat viel mit einer Rückbesinnung auf die Prinzipien und Werte der landwirtschaftlichen Urwirtschaft zu tun. Damals, aktuell und auch zukünftig werden Boden und Klima die Haupterfolgsfaktoren für eine wirtschaftlich gesunde Landwirtschaft sein. Daher müssen wir Landwirte alles daransetzen, beidem mit größtmöglichem Respekt zu begegnen. Durch die intelligente Nutzung neuer Technologien wie der Digitalisierung auf dem Feld, neuen Fruchtfolgen oder auch der Produktion alternativer Nahrungsmittel können wir dabei sehr viel erreichen. Denn die Ressourcenschonung ist ein zentraler Faktor der heutigen Gesellschaft. Um dies auf möglichst vielen Höfen zu etablieren, muss noch einiges an Überzeugungs- und auch Übersetzungsarbeit geleistet werden.

Du bist nicht nur leidenschaftlicher Landwirt, sondern seit einigen Wochen auch als Innovationsberater im Düsseldorfer matrix-Team engagiert.

Was hat Dich dazu bewogen?

Ich kenne und lebe die Hof-Praxis von Geburt an und werde mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal Nachfolger auf dem Hof meiner Eltern. Zudem beschäftigte ich mich seit Jahren wissenschaftlich intensiv und international mit der Zukunft der Landwirtschaft.

Im matrix-Team möchte ich beides miteinander verbinden und auch andere zukunftsorientierte und mutige Landwirte dabei unterstützen, sich ökonomisch und ökologisch nachhaltiger aufzustellen. Sei es bei wegweisenden und großen Investitionsvorhaben, in Nachfolgesituationen oder beim Einstieg in neue Geschäftsmodelle.

Im Innovationsteam nutzen wir dabei den gesamten Instrumentenkasten moderner und leistungsstarker Methoden. Diese passen wir an die Praxis auf den Höfen und die besonderen Bedingungen der landwirtschaftlichen Zulieferindustrien vom Maschinenhersteller bis zum Saatgutlieferanten an.

Eure Philosophie im matrix-Innovationsteam ist es, dass die Landwirte ihre unternehmerische Gestaltungsfreiheit auf den Hof zurückgewinnen.

Was bedeutet das für Euch?

Wir sehen die Landwirte als „echte“ mittelständische Unternehmer. So müssen sie sich verhalten und so müssen sie auch von Politik, Gesellschaft und Partnern wie Lieferanten und Absatzpartnern behandelt werden. Das geschieht leider viel zu selten. Ein Beispiel aus meiner Zeit in Neuseeland ist mein „Kneipenvergleich“:
Wenn ich in Neuseeland abends in der örtlichen Kneipe ins Gespräch kam und gesagt habe: „Ich arbeite in der Landwirtschaft“, dann bekam ich großen Zuspruch. Die Leute haben uns mit echtem Respekt behandelt. Nun der Vergleich hier in Deutschland: Eine ähnliche Kneipe und dasselbe Gespräch führen dazu, dass ich sofort kritisch auf Themen wie Umweltschutz, Klimawandel, Tierwohl und vieles mehr angesprochen werde. Und eine echte sachliche Diskussion ist fast nicht mehr möglich. Daher wundert es uns nicht, dass die fachlichen und verbalen Hürden zwischen den Landwirten und ihrem wirtschaftlichen, politischen und sozialem Umfeld immer größer werden.

Eine Folge davon ist auch, dass die breite Bevölkerung Landwirtschaft weiterhin als „bäuerlich“ wahrnehmen möchte, statt sie als innovative Branche anzuerkennen und ihrem technologischen Fortschritt positiv gegenüber zu stehen.
Und viele bedeutende technologische Trends wie die Digitalisierung im Pflanzenbau und in der Betriebsführung kommen bislang nur rudimentär auf den Höfen an, was auch für viele Hersteller ein echtes Problem darstellt. Dies hängt aus unserer Sicht nach wie vor damit zusammen, dass bei den hohen Investitionskosten oft kein direkter Mehrwert bei den Landwirten erkennbar ist. Daher muss die Konzentration von Politik und Agrarwirtschaft darauf liegen, diese Überzeugungs- und Übersetzungsarbeit viel breiter und erfolgreicher zu gestalten. Daran mitzuwirken gehört zu unseren Kernzielsetzungen bei matrix.

Mich begeistert der Ansatz im Team, den landwirtschaftlichen Betriebsleitungen dabei zu helfen, wieder die unternehmerische Gestaltungsfreiheit auf dem Hof zurückzugewinnen und diese auszubauen. Das ist für die Höfe, für ihre Marktpartner und nicht zuletzt für Verbraucher und Nachbarn von großem Vorteil.

Daran möchte ich in den kommenden Jahren intensiv und erfolgreich mitarbeiten – als Innovationsberater und als Landwirt.

Lieber Cornelius,

vielen lieben Dank für den tiefen Einblick in Deine neue Aufgabe.

Geschrieben von : matrix